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Donnerstag, 13. September 2018 07:51 Uhr

Nacht und Nebelaktion: Felsenkeller ist nur noch ein Haufen Bauschutt

Die Felsenkeller-Ruine ist am Mittwochabend.

Höxter (TKu). Im wahrsten Sinne des Wortes ist die alte Brandruine des Höxteraner Felsenkellers in einer Nacht- und Nebelaktion komplett abgerissen worden. Was von dem einst prächtigen Ballhaus aus dem Jahre 1837 übrig geblieben ist, ist nur noch ein großer Haufen Bauschutt. Nur noch der ehemalige Schweinestall des Felsenkellers und eine Außenwand im Erdgeschoss nahe dem Eingangsbereich stehen noch. Der Abriss während der der Dunkelheit war Auflage im Sinne des Naturschutzes, weil im Felsenkeller Fledermäuse vermutet wurden. Nachts werden Fledermäuse aktiv und kommen aus ihrer Behausung.

Der Abriss startete gegen 20 Uhr am Mittwochabend. Bis 23 Uhr war die Felsenkeller-Ruine, wie geplant, komplett abgerissen. Das Holz soll laut der vor Ort tätigen Baufirma abtransportiert werden. Der Bauschutt hingegen bleibt an Ort und Stelle und wird als Untergrund an gleicher Stelle verbaut, berichten die Mitarbeiter der beauftragten Baufirma. Die Materialtrennung erfolgt in den nächsten Tagen. Ab jetzt kann der Abriss auch wieder tagsüber erfolgen. Die beauftragte Firma rechnet damit, das die restlichen Abriss- und Aufräumarbeiten bis Ende nächster Woche beendet sind. Der Felsenkeller war vor einem Jahr durch die Norddeutsche Landesbank Hannover zwangsversteigert worden. Ersteigert haben den Felsenkeller die Unternehmer Hans-Jochen Lott aus Bielefeld, Dr. Manfred Hecker und Georg Ummen (beide aus Höxter). Der 76-jährige Jochen Lott aus Bielefeld möchte nun nach der Beseitigung der Brandruine an gleicher Stelle Wohngebäude auf dem Grundstück errichten lassen. Lott lebte zwischen 1950 und 1958 in Höxter. Den Felsenkeller kennt er sehr gut, er hat dort viele Schulfeste gefeiert. Für ihn sei es eine „Herzensangelegenheit“, endlich einen Schlussstrich unter die Angelegenheit zu ziehen, sagte Lott gegenüber Höxter-News.de.

Die Abtragung der Ruine soll geschätzte 80.000 Euro kosten, ergänzt Lott. Vor fast genau 10 Jahren, am 17. Oktober um kurz nach vier Uhr morgens, wurden die Nachbarn durch lautes Knacken und Knistern wach. Da loderten die Flammen bereits aus dem Dachstuhl. Viel zu retten gab es aufgrund des mangelnden Brandschutzes des 171 Jahre alten Gebäudekomplexes seitens der Feuerwehr aber nicht mehr. Das Feuer rannte blitzartig durch die alte Festhalle aus Fachwerk, die komplett mit Holz ausgekleidet war. Aufgrund der brennbaren Bausubstanz war der Feuerwehreinsatz auch nach Stunden noch nicht beendet. Es dauerte noch Tage, bis die letzten Glutnester abgelöscht werden konnten.

Die Geschichte des Felsenkellers: Generationen von Höxteranern haben hier gefeiert, ob beim Abschlussball der Tanzschule oder später bei Konzerten der Ärzte, der Toten Hosen oder vielen anderen bekannten Rockgrößen des Showgeschäftes. Der Felsenkeller ist 1837 von der Brauerei Oppermann errichtet worden. Das ursprüngliche Berg- und Ausflugslokal „Felsenkeller“ wurde nach dem ersten verheerenden Brand im Jahr 1897 wieder neu auf- und umgebaut. Historiker gehen nicht davon aus, dass Teile des alten Gasthauses 1898 im Neubau verwendet wurden. Das Gebäude hat seinen Namen erhalten, weil sich im Felsen, auf dem er errichtet wurde, ein großer Keller befindet. Wie auch andere Felsenkeller wurde er Jahrzehnte zum Gären und Lagern von Bier genutzt. Wie schon das ursprüngliche Gebäude, so wurde der Felsenkeller nach 1898 als Schank- und Speisewirtschaft mit Tanzstätte, Saal und Garten betrieben. Es ist überliefert, dass Besitzer Oppermann mit Hotelbesitzer Friedrich Piepenbrok beim Skatspielen in dessen Hotel „Stadt Bremen“ in Höxter ein Tauschgeschäft vornahm. So tauschte Heinz Oppermann 1920 seinen Felsenkeller gegen das Hotel „Stadt Bremen“.

1925 bekam der Felsenkeller den Zusatz „Parkhaus Felsenkeller“, weil er direkt am Stadtpark von Höxter lag. Seit 1924 wurde der Gesamtkomplex, bedingt durch wechselnde Eigentümer mehrfach erweitert und umgebaut, wobei die denkmalwerte Architektur eines stadtnahen Aussichts- und Festlokales der baufreudigen Zeit um 1900 erhalten blieb. Während des zweiten Krieges wurde der Felsenkeller bis 1945 als Lazarett der Wehrmacht genutzt. Nach dem Krieg befand sich das Gebäude in einem sehr schlechten Zustand. Die Soldaten hatten die Möbel verheizt und der Betrieb musste gänzlich neu aufgebaut werden. Unter dem Felsenkeller gab es historische Eiskeller und Gewölbe, die bis zur heutigen Bundesstraße gereicht haben und dort auch noch heute sichtbar sind. Viele Gänge mussten wegen der Bergsicherheit mit Beton verfüllt werden. Dabei handelte es sich um die Eiskeller des 19. Jahrhunderts für das Gasthaus sowie für die Bierlager der Brauerei Krekeler. Der Felsenkeller war die damalige Party-Location schlechthin. Reiter- und Bauschulfeste, Geburtstage und Hochzeiten, Karnevalsfeiern und Veranstaltungen der Schützengilde fanden hier statt. An Schützenfest wurden hier die Königspaare proklamiert. 1976 eröffnete das Bergrestaurant Felsenkeller als eines der ersten italienischen Gasthäuser in Höxter. Sein Pächter, ein Italiener namens Azzolini wurde damit sehr erfolgreich. Aus familiären Gründen musste er sein Lokal Anfang der 80-er Jahre allerdings aufgeben. Nach zwei weiteren Betreibern ging der Felsenkeller 1982 in den Besitz von Gabriele Brenke und Uwe Linsdorf über. Sie führten ihn als Diskothek bis zu dem vernichtenden Brand am 17. Oktober 2006.

Besonders in den 1980er und 90er Jahren hatte der Felsenkeller seine ganz besondere Bedeutung für Höxter: Er war der Jugendtreffpunkt der Stadt und sehr beliebt bei den Jugendlichen. Hier begegneten sich pro Wochenende bis zu 2500 Gäste laut Uwe Linsdorf. Seit Beginn des Diskothekenbetriebes wurden hier nahezu 600 Konzerte veranstaltet. Topstars brachten die Generationen zusammen: Ärzte, Prinzen, Tote Hosen, Fury in the Slaughterhouse, Wishbone Ash, Anne Clark, Jürgen Drews, Commodores, Alexis Korner, Lucilectric, Liquido, Jazzkantine oder Django Edwards rockten die Keller-Bühne. Das Ballhaus wurde in einem Atemzug mit großen Konzerthallen wie dem Hunky Dory in Detmold oder dem PC 69 in Bielefeld genannt.

Fotos: Thomas Kube

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